Aller Anfang ist Gips

Menschen, Lebensqualität und Technik: Das sind die großen Themen, die unsere tägliche Arbeit prägen. In unserer Werkstatt entwickeln wir individuelle Lösungen für unsere Kunden. Damit sich alles zusammenfügt, müssen wir viel Fingerspitzengefühl beweisen – und manchmal auch richtig zupacken. Einen Eindruck davon vermittelt Ihnen eine Reportage von Michael Stein:

René Geissen stemmt sich in die Pedale. Efeu klammert sich in die Speichen seines Mountainbikes. Geissen macht Druck, das Rad kommt frei. Gar nicht so einfach, wenn man nur ein Bein hat.

In seiner Basketballmannschaft ist René Geissen der einzige Amputierte. Das stört ihn aber nicht. Der 37-jährige Molekularbiologe treibt viel Sport, in den vergangenen drei Monaten hat er über 8000 Kilometer auf dem Fahrrad zurückgelegt. Eine moderne Prothese ersetzt sein linkes Bein. Sie ist eine Mischung aus modernster Computer-Technik und traditionellem Handwerk. In ihr verbaut ist das Plié 2.0, ein mikroprozessorgesteuertes, hydraulisches Kniegelenk. Die Sensoren darin messen permanent die Kniebeugung und -bewegung, damit die Hydraulik das Bein einem natürlichen Bewegungsablauf gemäß dämpfen kann. Das ist das untere Ende der Prothese.

Oben drin steckt der Stumpf von Geissens Oberschenkel. Hier, am Schaft, zeigen die Orthopädietechniker des Sanitätshauses Püttmann ihr ganzes Können. Damit der Schaft nicht buchstäblich zum wunden Punkt wird, muss er optimal an Geissens Anatomie angepasst werden: Mit zunehmender Muskel- oder abnehmender Fettmasse ändert sich auch die Passform seines Stumpfes. Dann wird ein neuer Schaft modelliert.

Mit dem Handballen in die Weichteile

Orthopädietechniker Andreas Kreitenhubert und René Geissen sind per Du. Das ergibt sich von selbst, wenn man alle paar Monate auf Tuchfühlung geht. Kreitenhubert stehen die Schweißperlen auf der Stirn, ein Gipsfleck klebt auf seiner Wange. Er umklammert Geissens Oberschenkelstumpf und drückt ihm hinten einen Handballen in die Weichteile. Das muss so sein. Kreitenhubert macht einen Gipsabdruck für den neuen Prothesenschaft. Dort, wo er den Gips tief in Geissens Schenkel drückt, wird der neue Schaft später über einem Knochen einhaken und bombenfest sitzen. Das ist nötig, bei den Kräften, die ein aktiver Sportler wie René Geissen erzeugt. Es wäre ja schlecht, wenn die wertvolle Prothese bei einem heftigen Antritt wegfliegt.

Kreitenhubert gibt alles. Er muss die Position halten, bis der Gips trocken ist. Danach kann er den Abdruck in der Werkstatt benutzen, um den neuen Schaft aus Kunststoff zu modellieren. Geissen steht lässig auf eine Haltestange gestützt und scherzt. Er kennt die Prozedur und lässt den Orthopädietechniker machen. Das Vertrauen ist wichtig, es geht um Mobilität, um Lebensqualität. Dafür nimmt Geissen die Anfahrt aus Wuppertal gerne in Kauf. Noch zwei oder drei Termine mit Kreitenhubert wird er haben, bis der neue Schaft seiner High Tech-Prothese perfekt sitzt. Dann kann René Geissen wieder alles geben, beim Radfahren, Skaten und allem anderen, was er so treibt.

Druck machen, ohne zu drücken

Conny ist 16 und hat eine Freundin mitgebracht. Damit es lustiger ist. Der Sitz von Connys Korsett muss überprüft werden. Lachen heilt keine Skoliose. Es hilft aber ungemein.

Als Conny neun Jahre alt war, hat ihr Kinderarzt festgestellt, dass ihre Wirbelsäule über das normale Maß hinaus verkrümmt ist. Obwohl sie überhaupt keine Beschwerden hatte, muss sie seitdem ein Korsett tragen. Sonst sieht sie eines Tages alt aus, obwohl sie es noch nicht ist.

Während der Kindheit und Jugend ist der Körper noch formbar. Mit einem Korsett kann man das Rückgrat dauerhaft korrigieren. Dafür muss es aber über viele Jahre konsequent getragen werden. Conny rollt mit den Augen. Sie trägt ihr Korsett meistens. Naja, jedenfalls oft. Beim Tanzen aber lieber nicht. Sie steht auf Techno und Dubstep.

Die Kunst des Weglassens

Einen Gipsabdruck, wie er an René Geissens Oberschenkel gemacht wurde, kennt Conny auch. Nur weiter oben. Röntgenbilder alleine geben nicht genügend Informationen, um ein passendes Korsett anzufertigen, sagt Burkhard Püttmann. Die Versorgung mit Korsetts hat in seinem Sanitätshaus eine lange Tradition. Nicht nur deshalb nimmt der Chef es sehr genau. Die Akzeptanz bei den Jugendlichen, sagt er, hängt stark vom Tragekomfort ab. Es darf nicht unangenehm sein.

Püttmann hat viel Zeit in die Entwicklung moderner Korsetts gesteckt. Vieles von dem, was an einem Korsett drückt oder unbequem ist, hat er weggelassen. Es musste leichter werden und sollte unter der Kleidung nicht auftragen. Trotzdem muss das Korsett seinen Zweck erfüllen und die Skoliose korrigieren. Die Quadratur des Kreises. Eine echte Herausforderung.

Conny denkt an die Zukunft. Beruflich will sie etwas mit Tieren machen. Da muss sie beweglich sein, muss sich bücken, hocken, zupacken können. Ein kranker Rücken würde da nur stören. Dauerhafte Verspannungen, wie sie eine krumme Wirbelsäule verursacht, sind schmerzhaft und schränken die Beweglichkeit ein. Darauf will sie es nicht ankommen lassen. Conny wird das Korsett noch eine Weile tragen. Ihre Freundin findet das cool.