Aller Anfang ist Gips
Ein neuer Schaft für die Prothese
René Geissen stemmt sich in die Pedale. Efeu klammert sich in die Speichen seines Mountainbikes. Geissen macht Druck, das Rad kommt frei. Gar nicht so einfach, wenn man nur ein Bein hat.
In seiner Basketballmannschaft ist René Geissen der einzige Amputierte. Das stört ihn aber nicht. Der 37-jährige Molekularbiologe treibt viel Sport, in den vergangenen drei Monaten hat er über 8000 Kilometer auf dem Fahrrad zurückgelegt. Eine moderne Prothese ersetzt sein linkes Bein. Sie ist eine Mischung aus modernster Computer-Technik und traditionellem Handwerk. In ihr verbaut ist das Plié 2.0, ein mikroprozessorgesteuertes, hydraulisches Kniegelenk. Die Sensoren darin messen permanent die Kniebeugung und -bewegung, damit die Hydraulik das Bein einem natürlichen Bewegungsablauf gemäß dämpfen kann. Das ist das untere Ende der Prothese.
Oben drin steckt der Stumpf von Geissens Oberschenkel. Hier, am Schaft, zeigen die Orthopädietechniker des Sanitätshauses Püttmann in Essen ihr ganzes Können. Damit der Schaft nicht buchstäblich zum wunden Punkt wird, muss er optimal an Geissens Anatomie angepasst werden: Mit zunehmender Muskel- oder abnehmender Fettmasse ändert sich auch die Passform seines Stumpfes. Dann wird ein neuer Schaft modelliert.
Orthopädietechniker Andreas Kreitenhubert und René Geissen sind per Du. Das ergibt sich von selbst, wenn man alle paar Monate auf Tuchfühlung geht. Kreitenhubert stehen die Schweißperlen auf der Stirn, ein Gipsfleck klebt auf seiner Wange. Er umklammert Geissens Oberschenkelstumpf und drückt ihm hinten einen Handballen in die Weichteile. Das muss so sein. Kreitenhubert macht einen Gipsabdruck für den neuen Prothesenschaft. Dort, wo er den Gips tief in Geissens Schenkel drückt, wird der neue Schaft später über einem Knochen einhaken und bombenfest sitzen. Das ist nötig, bei den Kräften, die ein aktiver Sportler wie René Geissen erzeugt. Es wäre ja schlecht, wenn die wertvolle Prothese bei einem heftigen Antritt wegfliegt.
Kreitenhubert gibt alles. Er muss die Position halten, bis der Gips trocken ist. Danach kann er den Abdruck in der Werkstatt benutzen, um den neuen Schaft aus Kunststoff zu modellieren. Geissen steht lässig auf eine Haltestange gestützt und scherzt. Er kennt die Prozedur und lässt den Orthopädietechniker machen. Das Vertrauen ist wichtig, es geht um Mobilität, um Lebensqualität. Dafür nimmt Geissen die Anfahrt aus Wuppertal gerne in Kauf. Noch zwei oder drei Termine mit Kreitenhubert hier in Essen wird er haben, bis der neue Schaft seiner High Tech-Prothese perfekt sitzt. Dann kann René Geissen wieder alles geben, beim Radfahren, Skaten und allem anderen, was er so treibt.